Vielleicht doch nicht lesbisch?

Erste Schwärmerei

Wenn ich heute zurück blicke hätte mir mit 10-11 schon einiges klar sein müssen aber ich habe mir einfach nie Gedanken gemacht, ich fand dieses Mädchen einfach unglaublich toll. Sie turnte bei mir im Verein und ich habe es geliebt ihr zu zuschauen beim Training sie war auch mindestens 6 Jahre älter als ich. Mit meiner besten Freundin konnte ich ein wenig über das Mädchen schwärmen und wir kamen eines Tages auf die Schnapsidee ihr zu sagen, dass wir sie beide ja so toll finden und lieben (wie immer man auch Liebe in diesem Alter definiert). Beim nächsten Training saß ich auf einem Barrenholm als sie zu mir kam, ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und meinte zu ihr, dass ich sie ganz doll lieb habe. Ich wartete noch ihre Antwort ab, die was in der Art war wie“ das ist ja süß“ und bin in die Umkleide geflüchtet.

Erster Kuss

Ich war ca. 12 Jahre alt und auf Klassenfahrt haben wir Flaschendrehen gespielt. Ich sollte ein Mädchen küssen, einige reagierten darauf ein wenig abwertend und meinten „iiiihh das würden sie niemals machen“ : Ich empfand das als überhaupt nicht schlimm und stellte mir die Frage was dabei so schlimm sei. Viel schlimmer fand ich es das ich auch noch einen Jungen küssen sollte.

Die erste Freundin

In meiner Klasse hatten nun alle Mädchen schon ihren ersten Freund gehabt nur ich nicht. Alle schwärmten von Schauspielern und ich dachte mir immer nur, also irgendwie finde ich die nicht so toll und auch einen Freund mag ich nicht haben.
Warum das so war wurde mir mit 15 richtig klar. Ich lernte meine erste Freundin im KIKA Studio kennen und fand sie sofort toll. Sie wohnte etwas weiter weg von mir, trotzdem haben wir uns ziemlich regelmäßig am Wochenende gesehen und ansonsten gechattet. Bis sich meine Gefühle für sie immer mehr verstärkten und ich einer Freundin davon erzählte. Sie fragte ob es sein könnte, dass ich lesbisch sei. Der Gedanke ist mir selber schon ein paar Mal gekommen, aber ich schenkte diesen Gedanken keinerlei Bedeutung.Nachdem es jedoch ausgesprochen war, ratterte es in meinem Kopf. Ich habe mir damals jedoch noch keine großen Gedanken darüber gemacht ob es richtig oder falsch sei. Eines Abends saß sie vor meiner Heizung und ich bin zu ihr hin und habe sie einfach geküsst, es fühlte sich unheimlich toll an. Bei Freunden machten wir kein Geheimnis daraus, dass wir zusammen waren und sind auch offen damit umgegangen. Nur meinen Eltern habe es nie gesagt gehabt, bis meine Mutter mich eines Tages ansprach und fragte ob es sein könnte das mehr zwischen mir und ihr ist. Mir war das aber total unangenehm und ich habe nur genickt und bin in mein Zimmer gelaufen und war heil froh, dass meine Mutter dieses Thema vorerst nie wieder angesprochen hatte. Ich wusste das meine Eltern dem Thema gegenüber nicht negativ eingestellt gewesen sind, da meine Mutter mir oftmals von schwulen Freunden erzählte, die sie damals hatte.

Vielleicht doch nicht Lesbisch?

Nachdem mit meiner Freundin schluss war und ich ca. 18 Jahre alt war, fing ich an mir mehr und mehr Gedanken zu dem Thema zu machen und empfand es als nicht richtig und wollte es mir selber nicht eingestehen. Ich überlegte ob ich nicht vielleicht doch mal ausprobiere wie es wäre, einen Freund zu haben. Daraufhin hatte ich zwei feste Freunde. Mein erster Freund war einige Jahre älter und ihm erzählte ich auch, dass ich schon was mit einer Frau hatte. Woraufhin er mir die Option offen lies, auch was mit einer anderen Frau zu haben. Dies lief gründlich schief. Er flippte völlig aus nachdem er sah, wie ich eine Freundin küsste. Die Beziehung hielt nur drei Monate.
Mein zweiter Freund kannte mich noch aus der Zeit als ich meine erste Freundin hatte. Doch ich habe nie viel mit ihm darüber gesprochen bis er irgendwann spürte, dass ich vieles nicht möchte und auch ihn immer mehr ablehnte vor allem körperlich. Das führte nun zu heftigen Streitigkeiten, bis ich mich trennte.
Ich war noch mit meinem Freund zusammen aber realisierte immer mehr das es doch nicht das Richtige für mich ist. Immer wieder sagte ich mir, dass es aber nicht sein kann und es doch möglich sein müsste, auch einen Mann zu lieben.Ich schämte mich fürchterlich vor meinen Eltern und hatte Panik, dass sie etwas rausbekommen könnten. Ich beschloss für mich nun erstmal gar keine Beziehungen zu führen und auch niemanden die Chance zu geben, mir nahe zu kommen. Ich verdrängte lange Zeit das Thema, kam aber immer wieder drauf zurück. Ich googelte das Wort „lesbisch“, laß mir einiges dazu durch was man so findet im Internet dazu. Doch im Grunde hasste ich dieses Wort und erst recht was man an Definitionen dazu finden konnte. Auch wenn mir bewusst war, dass es auf mich zutraf und es genau das war, was ich fühlte. Und es auch genau das war, womit ich mich wohlfühlte und fallen lassen konnte. Es musste doch aber möglich sein diese Gefühle einfach wegzudrücken. Dies tat ich nun weitere Jahre, bis ich nicht mehr konnte und es mir ziemlich schlecht ging. Ich hatte nun die Wahl: Entweder geht es mir weiterhin total mies oder ich mache mich auf den Weg in die Richtung und stehe dazu. Das war der Punkt an dem ich beschloss, zum Cafe Vielfalt nach Essen zufahren. Nachdem ich vorher schon Tage die Internetseiten genaustens studiert hatte und die Fotos schon auswendig kannte. Dort erlebte ich eine *Normalität* die mich erst mal völlig umgehauen hat. Die Gespräche mit anderen haben mir unheimlich geholfen, es für mich zu akzeptieren und damit offen umzugehen.

Nun fing ich an die Jugendzentren zu besuchen wo mir bewusst war das es passieren könnte, dass ich gesehen werde von wem auch immer. Doch ich fühlte mich da so wohl, dass es für mich auch nicht in Frage kam aus Angst nicht hin zugehen. Und ich mache ungern etwas heimlich, also setzte ich mir fest in den Kopf, nach 14 Tagen meiner Mutter nochmal zu sagen, dass ich auf Frauen stehe das Wort „lesbisch“ habe ich immer noch gehasst. Mittags nach dem Essen meinte ich also, dass ich ihr unbedingt etwas sagen müsste und es mir aber nicht leicht fallen würde. In dem Moment hatte ich mit Sicherheit einen Puls von 200. Meine Mutter reagierte ruhig und wollte wissen was los sei. Nachdem ich ihr sagte, dass ich auf Frauen stehe und fürchterlich weinte dabei, kam die Reaktion, die ich mir eigentlich auch schon so vorgestellt hatte. Sie reagierte positiv und verstand nur nicht wirklich, warum ich so weinte und es nicht schon eher gesagt hatte. Wir sprachen von nun an sehr offen über das Thema und es war auch nie was besonderes. Es spielte keine Rolle, dass ich nun mit Frauen zusammen war. Meine Freunde wussten es von Anfang an und ich habe bis jetzt keine negativen Erfahrungen gemacht und gehe im allgemeinen mit dem Thema sehr offen um, egal ob bei Arbeitskollegen oder Freunden.

Michelle, 27