Regenbogenflaggen sind keine Gleichstellung

Ein Résumeé der Online-Veranstaltung „LSBTIQ Willkommen in Kleve“

Ein Kommentar von Fenna Jacoba Bakker-Bents (sie/ihr)

 

Anlässlich des vergangenen IDAHOBIT, den 17. Mai 2021, habe ich an einer Online-Veranstaltung „LSBTIQ Willkommen in Kleve“ als Ehrenamtler_in des together kleve, sowie queere Bürgerin der Stadt teilgenommen.

Ich bin ein unvoreingenommener Mensch und mit diesem Mindset auch der Veranstaltung beigetreten — trotzdem wurden meine Erwartungen enttäuscht. Um ganz ehrlich zu sein: im Meeting selbst war ich noch recht positiv gestimmt, aber mit jeder Stunde, die danach verging, wurde ich wütender. Lasst mich Euch erklären, warum ich der Meinung bin: Regenbogenflaggen alleine sind keine Gleichstellung.

Es fängt an mit den gegenseitigen Lobpreisungen der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises Kleve dafür, dass sie am 17. Mai eine Regenbogenflagge aufgehängt haben. Gelebte Toleranz. Emmerichs Gleichstellungsbeauftragte merkte an, dass ihr dortiger ganz toleranter Bürgermeister, sich wunderbar für die queere (anscheinend wie „quer“ ausgesprochen, man lernt nie aus) Community einsetzt indem er schon seit 2016 am Weltaidstag die Regenbogenflagge aufhängt. Falls jemand diesen Zusammenhang gerade nicht mitverfolgen kann helfe ich gerne nach: Was fällt einem bei Homos an wichtigen Themen zuerst ein? Stonewall? Ne, natürlich nicht. Aids! Die Krankheit, für deren Verbreitung wir verantwortlich gemacht werden. Die Krankheit, die eine ganze Generation aufgrund von völligem Versagen der Gesundheitssysteme umgebracht hat. Die Krankheit, die meiner Generation die Vorbilder genommen hat, welche uns über unsere Geschichte hätten aufklären sollen. Die Krankheit, die eine ganze Community traumatisiert hat. Und da denkt man sich am Niederrhein, wo man übrigens für die Inanspruchnahme der hier nur spärlich vorhandenen STI-Testangebote missachtend beäugt wird, dass der 17.Mai doch der Tag für ein Statement gegen Queerfeindlichkeit ist. Am IDAHOBIT, welcher doch eigentlich an die Deklassifizierung von Homosexualität als Krankheitsbild durch die WHO erinnern soll. Zu erfahren, dass die gedankliche Verknüpfung zwischen Queerness und Aids immer noch die prominenteste für diesen Menschen ist, war mehr als ein Schlag ins Gesicht. Trotz Kritik von mir und anderen Mitgliedern aus der Community wurde die Flaggenaktion als pièce de résistance der Gleichstellungsarbeit des Niederrheins dargestellt.

Auf der Agenda gab es noch mehr als Flaggen zu besprechen, wir sollten als „Betroffene“ ein bisschen erzählen, wo wir Bedarfe und Probleme im Kreis sehen. Es dürfte für niemanden neu sein, dass LSBTI* alltäglich diskriminiert werden und dies auch zu entsprechenden Begleiterscheinungen wie Depressionen etc. führt. Auch können diese Erfahrungen sehr traumatisch sein. Queerfeindlichkeit ist eine Form von Gewalt. Umso erschreckender war die Herangehensweise an dieses sensible Thema: „Frau W., erzählen Sie doch mal von Ihren Diskriminierungserfahrungen!“ Diese nonchalante Aufforderung zeigt erneut auf wie wenig sich die Gleichstellungsbeauftragten mit den Problemen unserer Community beschäftigt haben. Es gibt so viele Bildungsangebote (einen Großteil sogar kostenfrei!), welche nur eine Google-Suche entfernt sind; unter anderem auch Vereine wie der SVLS e.V. der schon seit langer Zeit mit dem Kreis Kleve in Kontakt steht. Doch scheinbar ist selbst das Aufrufen der auf der Visitenkarte angegebenen Website zu viel gefordert. Auf die Frage, was die nächsten Schritte in der Gleichstellungsarbeit sein könnten, ergriff ich das Wort und möchte es hier noch einmal wiedergeben:

Es ist schön, dass Sie eine Flagge gehisst haben. Aber momentan ist das eine leere Geste. Genauso wie eine „Refugees Welcome“-Flagge keine aktive Strategie ist um auf die Bedürfnisse von Geflüchteten einzugehen. Es steht in Ihrer Verantwortung, sich zu bilden. Sie als Vertreterinnen der Mehrheitsgesellschaft stehen in der Hol-Schuld. Sie als Menschen in Machtpositionen sind dafür verantwortlich sich für marginalisierte Gruppen einzusetzen und der erste Schritt sollte die Bildung sein. Ich kann keine mathematischen Formeln anwenden, wenn ich schon am kleinen Einmaleins scheitere. Queere Menschen leiden täglich an der auf Unwissenheit und Ignoranz basierenden Diskriminierung. Im Kreis Kleve gibt es Schulen, in denen transidenten Schüler_innen der Zugang zur richtigen Umkleide verwehrt wird. In Kleve wird man als lesbisch gelesene Frau auf der Starße objektifiziert und dehumanisiert. In Kleve wird „schwul“ als abwertendes Wort benutzt. In Kleve werden aktuell auf Privatgrundstücken Regenbogenflaggen angezündet. Es geht hier um ein strukturelles Problem, welches auch strukturell bekämpft werden muss. Von oben. Ihr Arbeitsziel ist die Gleichstellung? Eine Regenbogenflagge vor dem Rathaus ist keine Gleichstellung.